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Hintergrundberichte Anschaffen und die Schere fest im Kopf Mindestens zwei Leben lebt Davide (Name geändert). Das eine ist das eines Familienvaters, geschieden, zwei Kinder. Das andere ist das eines Strichers, 32, z.Zt. beschäftigt in einer Zeitarbeitsfirma. „Anschaffen geh‘ ich nicht mehr“, sagt der Sohn italienischer Eltern. Stimmt das? Okay, einen Stammfreier habe er noch, gibt Davide dann dich zu. „Der ist eine dufter Typ, zahlt gut, ein richtig guter Kumpel“, schwärmt der Prostituierte sich was vor. Zwei Leben in einem Menschen: Das geht nicht ohne Schere im Kopf, die säuberlich trennt, was nicht zusammen gehen kann. Im Stuttgarter Café Strich-Punkt, im Gemeindesaal der Katharinenkirche, finden Davide und seine Kumpels vom Strich jeden Montag Abend ein paar Stunden Würde, Hilfe und Beratung, offene Ohren. „Der Treffpunkt für bestimmte Jungs“ steht auf dem Werbefaltblatt des Cafés am Katharinenplatz. 300 bis 600 Strichjungs so lauten die vagen so lauten die vagen Schätzungen, leben in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Auf den Tisch im „Strich-Punkt“ stehen Kuchen und Kaffeekannen, Zigaretten, Teller, Tassen, am Nebentisch ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Ronald kocht im Keller Spaghetti bolognese fürs Abendessen. Marcel und Guido fehlen, sie sind kurz raus gegangen. „Die rauchen, was hier drin verboten ist“, raunt Davide seinem Nachbarn zu. Haschisch-Joints und andere Drogen sind im „Strich-Punkt“, das vom „Verein zur Förderung von Jugendlichen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten“. Entstanden ist der Verein. Der das „Strich-Punkt“ zusammen mit der AIDS-Hilfe-Stuttgart betreibt, vor vier Jahren aus dem diakonischen Engagement der Alt-katholischen Kirche in Stuttgart. Davide ist heute drauf, er erzählt am Tisch von seinen beiden
Leben. Hastig spricht er, mit fahrigen Bewegungen. Vor sieben Jahren
hatte er geheiratet, seine Tochter ist heute sechs, der Bub vier. Dann
die Scheidung, den Job bei der Post verloren, rumgegammelt und mit
Drogen experimentiert. Und natürlich immer knapp bei Kasse. Da gab ihm
ein Kumpel den Tipp, mal zum Anschaffen auf den Schwulenstrich an der
Staatsgalerie kurz „Staga“ genannt, mit zu gehen. „Ich bin doch nicht
schwul“, wehrte sich Davide damals – aber nur kurz. Denn das schnelle
Geld lockte zu sehr. Von seinem ersten Freier schwärmt sich der
32-jährige heute noch Lebenslügen in die Tasche: „Dem hat meine Art
gefallen, die Bezahlung war gut, ich konnte mir ein bisschen Luxus
leisten“. Teure Fotokamera und andere Renommierobjekte. Davide rutschte
immer mehr ins Milieu. Bald ging er mit jedem, „der wollte und zahlte“,
zwei Monate lang, dann ein halbes Jahr im Bordellclub. An andere Dinge denken, wegen des Geldes… 2500 Mark im Monat wollte er eben haben, mindestens. Das konnte er mit Prostitution gut verdienen, damals. Jetzt ist Davide über 30, für viele Freier zu alt. Sein Marktwert ist gesunken, die Konkurrenz ohnehin härter geworden. Sie kommt aus Ost- und Südosteuropa – und aus dem Drogenmilieu. „Die machen die Preise kaputt“ analysiert der alte Hase vom Strich, „manche lassen sich schon für 20 oder 30 Mark mit Freiern ein“. Für Davide, sagt er, kommt das nicht in Frage: „Für 50 Mark würde ich nie mitgehen.“ Er hat ja jetzt seinen Job bei der Zeitarbeitsfirma, sein Auskommen und den Stammfreier… An der „Staga“ trifft er ab und zu mal alte Kumpels, aber sonst ist dort nicht mehr viel los. Die Szene hat sich verlaufen, viele Kontakte laufen inzwischen übers Handy. „Stabilisieren und Perspektiven eröffnen, begegnen und begleiten“ will Michael Weiße. Der Streetworker vom Hilfeverein hält nichts von Missionierungsversuchen und Radikalkuren, die Stricher wieder auf die richtige Bahn bringen sollen. In Tübingen hat der 34jährige katholische Theologie studiert, Soziologie, Pädagogik und Politik. Jetzt hilft er seinen Klienten auf der Straße praktisch weiter, mit rechtlichen Ratschlägen, bei der Job- und Wohnungssuche, hält in Freud und Leid seine Ohren hin. Zwischen 60 und 80 jungen Männer in der Szene kennt er, trifft sie auf der Straße oder im Café Strich-Punkt. Nebenher führt er die Geschäfte der ACK in Stuttgart, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, und hat dafür einen Schreibtisch bei der katholischen Stadtkirche. Auf der Straße und für die Arbeit Strich-Punkt gilt für ihn eine höchste Devise: „Ich glaube, dass Gott jeden so geschaffen hat, wie er ist und ihn so bejaht.“ Michael Weiße weiß nie so genau, wo seine Jungs sich rumtreiben. Die Fluktuation ist groß. Lars zum Beispiel. Zwei Jahre hat man ihn in Stuttgart nicht mehr gesehen. Jetzt ist er wieder da, mischt in der Szene mit, will eigentlich aber raus. Weiße versucht, ihm übers Sozialamt eine Brücke in ein normales Leben zu bauen. In ein Leben, das Lars einmal kannte. Immerhin war er mal ein „hoffnungsvoller Jungfussballer“ sagt er, von den Blitzlichtern der Fotografen angestrahlt, in der Zeitung abgedruckt. Ob’s stimmt? Michael Weiße ist immer vorsichtig mit solchen Erzählungen. „Da wir auch Vieles frei erfunden, die Jungs haben eben auch ihre Träume vom Leben“, sagt der Streetworker. Lebenswelten der Stricher, säuberlich mit der Schere im Kopf getrennt. Als er das Foto eines Mordopfers sieht, zuckt er zusammen:
„Den kenn‘ ich.“ Klar, das Leben im Park, wo die Szene sich trifft, sei
gefährlich, weit gefährlicher als früher. „Die rauben dich einfach
aus“, weiß Davide. Drogenstricher brauchen teuren Stoff, und wenn kein
Freier kommt, dann… In Gefahr ist auch das Café Strich-Punkt. Der Verein zur Förderung von Jugendlichen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten steht mit seinen knapp 40 Mitgliedern finanziell auf der Kippe. Ohne städtische Zuschüsse muss er durchkommen, die Stadtverwaltung verweist auf eigen Sozialarbeit im Strichermilieu. Allerdings ist das Café Strich-Punkt das einzige seiner Art in der Stadt. Die Spenden großer Firmen, vor allem von Banken, fließen nicht mehr so kräftig wie am Anfang, als der Verein und seine Arbeit Wohltäter anlockte. „Die Rücklagen sind in einem Jahr aufgebraucht, dann ist Feierabend“, prognostiziert Michael Weiße. Jetzt sollen Politikerinnen und Politiker von Bund, Land und Stadt eine Zukunftslösung suchen. Weiße hofft. Und wie sieht Davides Zukunft aus? Er hofft auch. Dass er seinen Job behalten kann, für den er jeden Morgen um sechs aufstehen muss. Dass er weiterhin seine beiden Kinder alle zwei Wochen sehen darf, obwohl ihn das auch traurig macht: „Besonders die Tochter heult jedes Mal, wenn ich wieder gehe.“ Und dass er mit seiner Freundin klar kommt: „Die will, dass ich ganz aufhöre mit dem Strichen“, meint er. Aber Forderungen stellen dürfte sie wirklich nicht. Schließlich lasse sie ja auch nicht von den Drogen, obwohl er das immer wieder verlangt… Uwe Renz |
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